Design

Notizbuch unseres Designers

Inspiriert von den bizarren Welten aus Science-Fiction-Filmen, beeinflusst von Schweden und entschlossen, etwas Neues zu schaffen: Ian Kettle – Lead Exterior Designer des Volvo XC40 – erzählt, wie seine kreative Vision entstand.

INTERVIEW VON IAN DICKSON, OKTOBER 2017

«Als Kind habe ich viel gezeichnet. Ich habe ständig Autos gezeichnet und mein Vater meinte: ‹Das wäre doch der Beruf für ich.› Seit ich sieben Jahre alt war, wusste ich also, was ich einmal werden wollte. Natürlich muss man als Fahrzeugdesigner Zeichentalent haben und sich Formen dreidimensional vorstellen können. Aber noch wichtiger: Man muss technisch einfallsreiche Lösungen finden, um Probleme zu lösen, und sich immer vor Augen halten, dass man für Kunden entwirft. Das ist die eigentliche Begabung. Der Designprozess beginnt als interne Ausschreibung. Es gab acht Entwürfe, und meiner wurde für den Volvo XC40 ausgewählt. Für eine Marke ist gesunder Wettbewerb von Vorteil, er verbessert das Material. Wettbewerb zwingt alle dazu, anders zu denken und besser zu arbeiten.»

Mein Designprozess

«Am Anfang meiner Entwürfe stehen immer Worte. Für mich beginnt der kreative Prozess damit, aufzuschreiben, welche Botschaft ich vermitteln will, wie ich deren Stellenwert in der Gesellschaft sehe und wie das zu dem passt, was Volvo Cars erreichen will. So kann ich gemeinsam mit dem Team für Außendesign in wenigen Worten genau ausdrücken, worum es geht. Beim Volvo XC40 war das der Begriff ‹Robuster kleiner Roboter›.

‹Robuster kleiner Roboter› war vom ersten Tag an der Begriff, der alles über das Produkt aussagte. Den Ausdruck, die Oberflächengestaltung und die Verspieltheit – er stand dafür, was ich für die Stadt bauen wollte. Wenn diese Kernaussage steht, schaue ich nach Einflüssen. Ich sehe mir Bilder dazu an, wie ein robuster kleiner Roboter aussehen könnte und wie ich ihn gerne hätte. Dann beginne ich, die Ideen zu skizzieren und zu visualisieren, und versuche, diese Eigenschaften in ein Fahrzeug zu übersetzen. Kreativität bedeutet, zwei nicht miteinander verbundene Ideen zu nehmen und zusammenzubringen.

Bei der Entwicklung und im kreativen Prozess ist das wie eine Erdung; es schafft Anhaltspunkte während des ganzen Projekts, zu denen das Designteam zurückkehren kann – hier der robuste kleine Roboter. Wenn es dann um die Entscheidung zwischen drei oder vier Entwürfen für die Nebelrückleuchte geht, ist das ganz leicht mit diesem Bild des robusten kleinen Roboters im Hinterkopf.»
Ian Kettle

Einflüsse und Inspiration

Produktdesignberatung IDEO, die auch die erste Maus von Apple entworfen hat. Während meines Studiums konnten ein paar Freunde und ich an einem Workshop in den IDEO-Studios in London teilnehmen. Dort erlebten wir, wie sich komplexe Probleme vereinfachen lassen. Zuerst gab es Umfragen, um die Nutzer des Produkts kennen zu lernen. Ist eine Sammlung von Ideen entstanden, werden diese auf Haftnotizen geschrieben. Die werden in Gruppen angeordnet, und man sucht nach einem Muster, einer Geschichte oder einer Reihe.

Für mich ist die beste Zeit für diese Denkarbeit der Abend, am Küchentisch mit Musik im Hintergrund. Die Stimmung muss passen, tagsüber kann ich das nicht. Wie viele Kreative kann ich mich am besten konzentrieren, wenn ich schon etwas müde bin. Der Abwasch muss erledigt sein, die E-Mails abgeschickt – man braucht einen klaren Kopf.»

«Es gibt zwei Bücher zum kreativen Prozess von Paul Arden, die mir viel gegeben haben, und das bis heute. Das sind ‹Es kommt nicht darauf an, wer du bist, sondern wer du sein willst› und ‹Egal, was du denkst, denk das Gegenteil›. Sie sind dünn wie Taschenbücher und lassen sich in einer halben Stunde durchlesen, denn auf jeder Seite steht nur ein Satz. Paul Arden war Creative Director bei einer weltweit tätigen Werbeagentur, und sie enthalten viele wertvolle Tipps zum Kreativsein, wie ‹es ist richtig, falsch zu liegen›. Das hat mich während meines ganzen Berufslebens begleitet.»

«Den eigentlichen kreativen Impuls für dieses Fahrzeug habe ich beim Schauen von Science-Fiction-Filmen bekommen. Einer war Elysium mit Matt Damon. Die Roboter dort sahen ganz anders aus als in den meisten modernen Filmen dieses Genres, und das hat mich sehr beeinflusst. Der andere Film war Oblivion mit Tom Cruise, da gab es sehr interessante Fahrzeuge mit tollem Design von Daniel Simon zu sehen, der früher Fahrzeugdesigner war und heute in Hollywood lebt.»

«Was allgemeinere Einflüsse betrifft, spielt Schweden eine große Rolle. Seit ich hier lebe, mache ich viel Outdoor-Sport, aber die Einflüsse für mich als Designer kommen aus dem gesellschaftlichen Bereich. Hier herrscht sehr viel Gleichberechtigung. Die Schweden lassen sich nicht durch Traditionen ausbremsen, das merkt man bei der Einstellung zur Technologie. Über viele Jahre gab es in Schweden das beste 3G-Netz, weil hier so schnell darauf umgestellt wurde. Schweden zählt auch zu den führenden bargeldlosen Gesellschaften. Wandel wird hier problemlos akzeptiert, es ist ein sehr fortschrittliches Land. Und diese Offenheit hilft kreativen Menschen, denn man fühlt sich ermutigt, anderes zu probieren.»

«Fahrzeugdesigner entwerfen oft nach ihren persönlichen Vorlieben. Das ist beim neuen Volvo XC40 deutlich zu sehen. Ich persönlich bevorzuge beim Design großzügige, ausladende Flächen, die ein Gefühl von Ruhe und Vertrauen in das Produkt vermitteln. Schauen Sie mal auf ein Apple MacBook oder iPad, da gibt es kaum Linien, welche die Fläche unterbrechen. Das Produkt soll auf sehr kluge Weise verführerisch sein, mit unkompliziertem Design, bei dem man das Gefühl hat, dass es das Leben einfacher machen wird – und genau darum geht es beim Volvo XC40.»