Lifestyle

Die geheime Sprache der Düfte

Um an neue Orte zu reisen, reicht es manchmal, die Augen zu schliessen und den Geruchssinn zu öffnen. Um zu erfahren, wie verschiedene Düfte uns aus dem Alltag entführen können, haben wir mit der schwedischen Parfummarke Agonist gesprochen. 

Kenneth Anderson

Die Reise beginnt

Aus dem Alltag ausbrechen bedeutet für jeden etwas anderes. Für manche ist es ein einfacher Waldspaziergang. Für andere eine flotte Fahrt auf der freien Autobahn. Aber es gibt noch eine Art der Alltagsflucht, und die liegt viel näher – praktisch direkt vor der Nase. Es geht um das, was der französische Schriftsteller Marcel Proust «unwillkürliche Erinnerung» nannte – wenn etwas Einfaches im Alltag unwillkürlich starke Erinnerungen wachruft und uns an einen anderen Ort bringt. 

Die meisten von uns kennen das wohl – der Duft frisch gemähten Grases, der in die Sommer der Kindheit zurückführt, oder der Geruch von Ledersitzen als Erinnerung an die erste Autofahrt. Es ist ein überwältigendes Gefühl, und es kann uns tatsächlich an andere Orte bringen, wenn wir uns Zeit nehmen und es zulassen. Diese Idee von Gerüchen als Weg zum Festhalten von Gefühlen und Wachrufen von Ereignissen war für das schwedische Ehepaar Christine und Niclas Lydeen der Auslöser zum Aufbau ihrer eigenen Parfummarke. Sie nannten sie Agonist. Ihr Ziel war, besondere Düfte zu schaffen, die Menschen auf belebende, emotionale Reisen schicken.  

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Das erste Produkt

«Mit unserem ersten Duft wollten wir den Geruch der Eifersucht finden», erklärt der Mitgründer von Agonist Niclas Lydeen begeistert. Den Geruch der Eifersucht einfangen, das ist schon wesentlich schwerer als den Duft einer Sommerwiese heraufzubeschwören oder einen romantischen Frühlingstag in Paris. Aber genau darum ging es. «Wir wollten etwas schaffen, das eine andere Seite Schwedens spürbar machte», erläutert Christine. «Die poetische, melancholische Schönheit, wie sie Ingmar Bergman, Greta Garbo und Karin Boye verkörpern. Wir waren fasziniert von Eifersucht und Leidenschaft und wollten einen Duft kreieren, der fesselnd, süchtig machend und romantisch war.» Und genau das taten sie. 

Das Ergebnis war Kallocain: ein Duft, inspiriert von der Arbeit der schwedischen Dichterin und Schriftstellerin Karin Boye, deren berühmtester Roman dem Parfum seinen Namen lieh. Bei Kallocain verbanden Christine und Niclas die traditionelle Kunst französischer Parfumeure mit ihrer eigenen, modernen Wahrnehmung schwedischer Tradition. Sie arbeiteten sogar mit dem berühmten schwedischen Glashersteller Kosta Boda zusammen, um einen besonderen Glasflakon in limitierter Auflage zu schaffen. 

Als Kallocain auf den Markt kam, verschaffte die Fusion von französischer Handwerkskunst und schwedischer Innovation der Marke Agonist weit verbreitete Anerkennung. Den ersten Flacon kaufte kein anderer als das schwedische Designmuseum für seine Sammlung.

Anschliessend bereiste der Flacon die Welt als Teil einer Ausstellung zu zeitgenössischem schwedischem Design. Und als Sammler und Läden aus verschiedenen Ländern sich an Christine und Niclas zu wenden begannen, um Kallocain zu kaufen oder ins Sortiment aufzunehmen, wurde klar, dass dieser besondere schwedische Duft viele internationale Bewunderer gefunden hatte. Heute, neun Jahre und vierzehn Düfte später, fühlen sich Christine und Niclas gerade erst am Beginn ihres Weges mit Agonist. 

«Wir wollten etwas schaffen, das eine andere Seite Schwedens spürbar machte – die poetische, melancholische Schönheit.» 

Christine Lydeen

Mitgründerin von Agonist

Der Prozess

Die Idee, Menschen mit Düften an andere Orte zu versetzen, ist grundlegender Teil der Philosophie von Agonist. Christine und Niclas sind beide in ihrer Jugend viel gereist, und andere Länder und Kulturen zu entdecken ist bis heute eine wichtige Inspirationsquelle. «Wir reisen für unser Leben gern und geniessen Kunst, Filme und Literatur der verschiedenen Länder», meint Christine. «So sammeln wir Ideen, die dann irgendwann zu Düften werden. Reisen ist fester Bestandteil des kreativen Prozesses, aber Heimkommen nach Schweden ist ebenso wichtig. «In Schweden gewinnen wir Abstand und finden Ruhe für unsere Arbeit», erklärt Christine. «Wenn wir zu Hause sind, können wir uns die Eindrücke von unseren Reisen vornehmen und aus der typisch schwedischen Perspektive auslegen.» Aber wie genau wird eine Idee oder ein Eindruck zum Parfum von Agonist?

«Am Anfang steht immer eine bestimmte Stimmung, ein Thema oder Konzept», erklärt Niclas. «Steht das fest, tragen wir verschiedene Inspirationsquellen zusammen, wie Bilder, Musik, Texte und Ausgangsstoffe. Dann vertiefen wir uns solange in das Konzept, bis es einen Namen, eine klare Identität und eine Geschichte hat.» Sobald das Konzept steht, erwecken Christine und Niclas zusammen mit ihrem Team aus anerkannten Parfumeuren den Duft – und seine Geschichte – zum Leben. 

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Ein Duft, offen für alle

Seit Jahren wirkt die Welt in der Darstellung der meisten Parfummarken wie die abgehobene Spielwiese der Reichen und Schönen, mit Düften als Massenware für ganz bestimmte Zielgruppen. Genau das wollten Christine und Niclas bei Agonist nicht. Sie wollen einen transparenteren, inklusiveren Ansatz. «Wir würden nie auf eine bestimmte Zielgruppe setzen – wir finden, Düfte sind nicht geschlechtsspezifisch. Deshalb schaffen wir Unisex-Parfums, die Stereotypen vermeiden», meint Niclas. 

Ein gutes Beispiel für die transparente Arbeitsweise von Agonist ist, dass sie die bei jedem Parfum die Inhaltsstoffe für alle lesbar auf dem Etikett abdrucken. «Der Abdruck des Rezepts auf dem Flacon zeigt den Kunden, wie unsere Düfte hergestellt werden, und nimmt sie mit an Bord», erläutert Christine. 

Neben dieser erfrischenden Offenheit bezüglich der Inhaltsstoffe sind Christine und Niclas auch offen für die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, um jedem Duft eine zusätzliche Dimension zu verleihen. Sie haben zum Beispiel Haute-Couture-Glasskulpturen mit der schwedischen Glaskünstlerin Åsa Jungnelius geschaffen, eine begrenzte Auflage eines «Duftbuchs» mit dem französischen Modefotografen Julien Boudet und eine handgefertigte Keramikvase mit dem japanisch-schwedischen Keramiker Masayoshi Oya. Für jedes Parfum wird zur Markteinführung eine besondere Installation geschaffen, um die Zusammenarbeit und das Konzept hinter dem Duft zu präsentieren. Es wird klar, dass Christine und Niclas als Künstler all ihre Leidenschaft und Kreativität in alle Entwicklungsphasen jedes Dufts einbringen, den sie kreieren – vom der ersten Idee bis zum Moment, wo sie den Duft in die Welt entlassen, um andere zu inspirieren.  

Der Geruch ist alles

Konzepte, Kollaborationen und Installationen sind längst Teil ihrer Arbeit, aber im Innersten von Agonist geht es nach wie vor um die Begeisterung für Gerüche. Welche Gerüche sind eigentlich besonders für Christine und Niclas? 

Christine antwortet als Erste. «Ich liebe den Duft der Fliederblüten im Frühsommer. In Schweden ist dieser Duft fest verbunden mit dieser besonderen Zeit als Kind, wenn das Schuljahr vorbei war und ein langer Sommer voller Abenteuer vor einem lag.» «Für mich ist es der Geruch des Waldes», meint Niclas. «Ich liebe den Geruch von Holz in jeder Form: nass, trocken, brennend, frisch geschlagen. Das hat etwas Ungezähmtes, Ursprüngliches und ist doch beherrscht und beständig.»

In einer Welt, die immer mehr nur auf visuelle Reize setzt, sollten wir uns vielleicht an Agonist ein Beispiel nehmen und statt dessen die Welt der Düfte erkunden? Wer weiss, wie viel reicher das Leben wäre, wenn wir einfach mal die Augen schliessen und uns dem Geruchssinn überlassen. Düfte sind eine stumme Sprache, bereit, entdeckt zu werden von allen, die bereit sind zu lernen.