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Materialgewinn

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Können recycelte Airbags die gesamte Zukunft von Volvo Cars prägen? Das «Reincarnate Project» sucht nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für die lebensrettenden Textilien, und das könnte die gesamte Arbeitsweise des Unternehmens umkrempeln - für immer. Willkommen in der Kreislaufwirtschaft.

von Dan Stevens

Im Inneren des XC40 finden sich Matten aus recyceltem Polyester

Einen geöffneten Airbag haben Sie hoffentlich noch nie zu Gesicht bekommen. Er ist ein Wunderwerk an Werkstofftechnik und Verpackung, die Leben retten können. Und doch landet viel davon am Ende des Fahrzeuglebens im Abfall. Das hat eine erfinderische Mitarbeiterin bei Volvo Cars zum Nachdenken gebracht, wie sich alte Airbags weiterverwenden lassen. Azra Moric, Senior Innovation Manager bei Volvo Cars, schlug vor, Airbagtextilien für neue Produkte wie Taschen und Kleidung zu nutzen und über die Volvo Car Lifestyle Collection zu vermarkten.

Ihre Idee verkörpert die Essenz der Kreislaufwirtschaft, und sie gewann damit Volvo Cars’ globale Innovationswoche mit dem Namen Global Idea Generation. Sie ist heute ein Projekt - genannt Reincarnate – mit potenziell unendlicher Lebensdauer, das nicht nur das Nachhaltigkeitsprofil von Volvo stärken wird, sondern auch die gesamte Unternehmensphilosophie beeinflusst.

Die neue Nutzung ausgedienter Airbags ist für Volvo ein weiterer Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft. Ist ein Airbag zum Beispiel so entworfen, dass sich das Textil wieder verwenden lässt, hat er schon ein zweites Leben, bevor er hergestellt wird.

«In der Natur wird alles irgendwann Ausgangsstoff für etwas anderes. Nichts wird zu Abfall.»

Eva Karlsson

CEO Houdini

Denn Nachhaltigkeit ist nicht nur Teil des Geschäftsmodells von Houdini, sie ist das Geschäftsmodell. Die Firma produziert Kleidung aus Recyclingmaterial, verkauft gebrauchte Kleidung und vermietet neue. Die Kleidungsstücke sind so entworfen, dass sie sich reparieren lassen, und am Ende ihrer Lebensdauer wird das Polyester, aus dem sie bestehen, für neue Kleidung verwendet. Sogar ein kompostierbares Kleidungsstück wurde produziert. Wie CEO Eva Karlsson erklärt, lässt sich alles wieder verwenden. «Wir erklären die Kreislaufwirtschaft im Vergleich mit der Natur, wo alles irgendwann Ausgangsstoff für etwas anderes wird», sagt sie. «Nichts wird zu Abfall. Für alles gibt es eine zweite, dritte, vierte Nutzung.»

Das erfordert Planung, vor allem bei der Wahl der Materialien. Beispielsweise verwendet Houdini Polyester, weil sich gebrauchtes Polyester ohne Qualitätsabstriche in neues verwandeln lässt, also praktisch unendlich einsetzbar ist. Auf die Automobilindustrie angewendet, schafft diese Denkweise ein Produkt, das nicht nur leichter recycelbar ist, sondern auch Ausgangsstoff für neue Produkte wird.

Volvo Cars verwendet im neuen XC40 Recycling-Polyester in Form von Bodenmatten aus PET-Flaschen. Aber Fahrzeuge und ihre Herstellungsprozesse sind sehr komplex, deshalb wird es eine Kreislaufwirtschaft nicht über Nacht geben. Airbags sind jedoch ein guter Ausgangspunkt. Sie sind reichlich verfügbar, einfach auszubauen und müssen zur Wiederverwendung nicht eigens aufbereitet werden.

Volvo Cars geht hier mit gutem Beispiel voran. Wir hoffen, bald Material aus recycelten Airbags am Firmensitz in Göteborg einzusetzen, der zurzeit umgebaut wird, um die Volvo-Markenidentität besser widerzuspiegeln. Für Kent Hassring, Facility Manager bei Volvo Cars, ist es die perfekte Gelegenheit, Branding und Recyclingmaterial zu verbinden. «Etwa für Möbel oder auch eine Tasche, passend zum Konzept des mobilen Büros. Dann würde jeder Schreibtisch kontinuierlich wiederverwendet. So könnten wir anfangen, den Gedanken überall bei Volvo Cars zu verbreiten.»

«Man muss auf den Wert der Dinge schauen und nicht nur auf die Kosten»

Das ist nur der Anfang. Langfristig könnte innerhalb von Volvo Cars eine Kreislaufwirtschaft für mehr Neuteile aus Recyclingmaterial sorgen, Bauteile mit Blick auf die Wiederverwendung entwerfen lassen und dem Unternehmen helfen, die Materialqualität zu verbessern. Das ist laut Eva Karlsson einer der grössten Vorteile beim Recycling eigener Materialien. «Sie haben volle Kontrolle über Ihre Rohmaterialien und wissen, wo sie herkommen und wofür sie im Einsatz waren. Das bedeutet Nachverfolgbarkeit und Transparenz.»

Und vielleicht am Wichtigsten, Recycling wird eine wichtige Materialressource, wenn die Nachfrage das Angebot zu überschreiten beginnt. «Bei Textilien gibt es einen enormen Anstieg der Nachfrage aus Asien, aber vielleicht nicht genügend Rohstoffe, um alle zu bedienen», meint Eva. «Wir müssen anfangen, Ressourcen aus Abfall zu schaffen, um herzustellen, was wir brauchen. Langfristig kann das die Lösung für Nachhaltigkeit sein.»