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Lotta Jakobsson über Kindersicherheit bei Volvo: »Nicht das Mehr zählt, sondern das Richtige.«

Bei Kindern im Auto können kleine Fehler große Folgen haben. Für Prof. Dr.-Ing. Lotta Jakobsson, leitende Spezialistin für Sicherheit und Verletzungsprävention bei Volvo, ist Kindersicherheit eine Herzensangelegenheit.

Sicherheit

Lotta Jakobsson sitzt zurückgelehnt in einem Sessel vor einer Wand mit hellen Holzstreben

Lotta Jakobsson engagiert sich seit Jahrzehnten für die Verbesserung der Sicherheit von Fahrzeuginsassen. Als Senior Technical Specialist im Bereich Verletzungsprävention im Volvo Cars Safety Center ist sie eine renommierte Expertin für Sicherheitsforschung, einschließlich Kindersicherheit.

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Der Helm beim Radfahren, Protektoren beim Skaten oder Reflektoren an der Kleidung: Eltern achten im Alltag sehr genau auf die Sicherheit ihrer Kinder. Auch im Auto ist der Schutz der Kleinen so selbstverständlich wie es das eigene Anschnallen sein sollte – aber doch mit besonderen Anforderungen. Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene, sie brauchen eigene Lösungen. Volvo war hier schon früh Pionier: Der rückwärtsgerichtete Kindersitz wurde auf der Forschungsgrundlage von Prof. Bertil Aldman in Göteborg in Zusammenarbeit mit Volvo entwickelt. 1964 testete Volvo den ersten Prototyp, bot 1967 einen wendbaren Beifahrersitz mit spezieller Rückenlehne für Kinder an und brachte dann 1972 den weltweit ersten rückwärtsgerichteten Kindersitz eines Automobilherstellers heraus. 1978 folgte das weltweit erste Sitzerhöhungskissen, eine Erfindung von Volvo.


Seit 1989 gehört Lotta Jakobsson zum Volvo Sicherheitsforschungsteam und ist heute leitende technische Spezialistin für Verletzungsprävention im Safety Center in Göteborg. Dort dreht sich alles um eines: Safety First – auch für die Kleinsten. Tests mit speziellen Crashtest-Dummys, die Kinder verschiedener Altersstufen repräsentieren, Analyse realer Unfälle und die Entwicklung neuer Systeme gehören zu ihrer Arbeit. Aber auch das Engagement für neue Standards bei der Kindersicherheit im Auto und die Aufklärung. Denn noch immer gibt es viele Unsicherheiten und Fehler bei Kindersicherung und -rückhaltesystemen – Fehler, die im schlimmsten Fall Leben kosten können.

Lotta Jakobsson steht lächelnd neben einem Sicherheits-Dummy

Forschung für Menschen: Lotta ist neben dem Volvo Cars Safety Center auch an der Chalmers University of Technology in Göteborg als außerordentliche Professorin für Fahrzeugsicherheit im Einsatz, um das Fahren immer wieder sicherer zu machen.

Für Lotta ist klar: Kindersicherheit muss immer wieder erklärt werden. Täglich kommen neue Eltern hinzu, die Forschung entwickelt sich weiter und Mythen halten sich hartnäckig. Deshalb ist es ihr persönliches Anliegen, Fakten zu vermitteln und einfache, klare Regeln an die Hand zu geben.


Lotta, was sind die wichtigsten Grundregeln, die bei der Kindersicherheit im Auto zu beachten sind?

L: Zunächst einmal: Kinder sollten niemals ungesichert im Auto mitfahren. Und dann ist das Prinzip ganz einfach: Babys und Kleinkinder sollten so lange wie möglich rückwärtsgerichtet sitzen – mindestens bis zum Alter von vier Jahren. Es gibt natürlich auch vorwärtsgerichtete Kindersitze, die für Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren genutzt werden, aber wir bei Volvo empfehlen ganz klar die rückwärtsgewandte Variante bis vier Jahre. Danach brauchen Kinder bis zu einer bestimmten Größe einen vorwärtsgerichteten Kindersitz bzw. eine Sitzerhöhung, um sie in die richtige Position für den Sicherheitsgurt zu bringen. Der Beckengurt muss dabei über die stabilen Knochenabschnitte, die Hüfte, und nicht den Bauch laufen und der Diagonalgurt sollte über der Brust und möglichst mittig über der Schulter positioniert werden.

Eine Mutter schnallt ein Kleinkind in einer rückwärtsgerichteten Kinderschale in einem Auto an

Rückwärtsgerichteter Babysitz für Kinder von 0 bis 1 Jahre.

Warum ist die rückwärtsgerichtete Position im Auto so entscheidend?

L: Dafür gibt es anatomische Gründe. Denn der Kopf kleiner Kinder ist im Verhältnis zum Körper sehr schwer und der Nacken noch nicht stabil genug. Das Skelett eines Babys ist noch sehr weich, Knochenstruktur und Muskeln entwickeln sich erst im Laufe der Jahre. Bei einem Frontalaufprall, der häufigsten und schwersten Art von Unfall, wird der Kopf des vorwärtsgerichteten Kindes nach vorne geschleudert. Das Einzige, was den Kopf zurückhält, ist der Nacken. Der Nacken eines Erwachsenen kann dieser Belastung relativ gut standhalten, der eines kleinen Kindes jedoch nicht. Ein rückwärtsgerichteter Sitz stützt den Rücken des Kindes im Ganzen und schützt so den Nacken. Dies ist für die Sicherheit entscheidend.


Und ab wann dürfen Kinder dann auf vorwärtsgewandtes Fahren wechseln?

L: Ab einem Alter von etwa vier Jahren können sie in Fahrtrichtung sitzen. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Nacken ausgereift und kräftiger geworden, einschließlich einer Umformung von horizontalen Wirbeln zu einer eher sattelförmigen Form, die zusätzlichen Halt bietet. Das Hüftknochenwachstum ist jedoch noch nicht abgeschlossen, sodass das Kind durch eine Sitzerhöhung angehoben werden muss. Dadurch können die Rückhaltesysteme des Fahrzeugs zum Schutz der Kleinsten beitragen.


Nur Anschnallen ist also nicht Schutz genug?

L: Nein, das allein reicht nicht. Was Sie beim Autofahren mit Kindern immer beachten müssen: Wo befindet sich der Sicherheitsgurt am Körper? Ein Auto verfügt über Airbags und eine Struktur, die Energie absorbieren kann. Und wenn man einen Erwachsenen im Auto schützen kann, kann man auch ein Kind schützen – vorausgesetzt, das Kind sitzt in der richtigen Position für den Sicherheitsgurt. Es geht darum, das Kind in den Sicherheitsgurt zu heben: So, dass es mit dem ganzen Oberkörper in den Gurt passt und der Beckengurt über den starken Beckenbereich führt. Da die Hüfte eines Kindes kleiner ist, sowohl in Bezug auf die Sitzhöhe als auch auf die Form, muss sie angehoben werden.

Ein kleines Kind sitzt in einem rückwärtsgerichteten Kindersitz in einem Volvo

Rückwärtsgerichteter Kindersitz für Kinder von 1 bis 4 Jahren.

Wie lange brauchen Kinder diese Sitzerhöhung?

L: Das hängt von der Größe und den Proportionen des Kindes ab. Unsere Empfehlung bei Volvo: bis zu 140 Zentimeter und mindestens bis zu zehn Jahren. In Deutschland ist es sogar bis zum Alter von zwölf Jahren oder einer Körpergröße von 150 Zentimetern vorgeschrieben. Für kleinere Kinder eignet sich unser vorwärtsgerichteter Kindersitz, später dann auch ein Sitzerhöhungskissen. Bei Nutzung einer Sitzerhöhung ohne Rückenlehne bitte auf die Größenspezifikationen des Herstellers achten, da diese variieren können. Eine Sitzerhöhung mit Rücklehne kann mehr Komfort und Seitenstabilität und eine bessere Gurtführung bieten, das ist gerade für jüngere Kinder und bei längeren Fahrten von Vorteil. Wichtig ist, dass der Sicherheitsgurt richtig anliegt, sodass das Kind bequem sitzt und die Knie beugen kann, ohne nach vorne zu rutschen.


Was sind die häufigsten Fehler, die Eltern machen?

L: Meistens werden die Gurte nicht fest genug angezogen. Manche Kinder legen den Schultergurt unter den Arm, weil er unbequem scheint. Das ist richtig gefährlich, weil der Gurt dann in den Bauch drückt und der Oberkörper sich weiter nach vorne bewegen kann. Ein weiterer Fehler: Kinder zu früh in die Vorwärtsrichtung zu setzen. Viele unterschätzen, wie wichtig es ist, an der Rückwärtsrichtung festzuhalten. In einigen Ländern ist es üblich, Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren in einen vorwärtsgerichteten Kindersitz umzusetzen. Doch aus der Erfahrung heraus empfiehlt Volvo rückwärtsgerichtete Kindersitze in den ersten vier Jahren. Außerdem gibt es seit Kurzem den Trend, rückwärtsgerichtete Babysitze so weit zu neigen, dass das Kind flach liegt. Während der Fahrt ist aber wichtig, dass der rückwärtsgerichtete Sitz immer so aufrecht wie möglich steht. Und auch wichtig: Wenn rückwärtsgerichtete Kindersitze auf dem Beifahrerplatz befestigt werden, muss der Front-Airbag deaktiviert sein.

»Babys und Kleinkinder sollten so lange wie möglich rückwärtsgerichtet sitzen.«

| Lotta Jakobsson

Es gibt eine große Auswahl an Kinderrückhaltesystemen. Wie finden Eltern das richtige?

L: Sie sollten sich immer auf geprüfte, zertifizierte Systeme verlassen und auf die Gurtführung achten – statt auf unnötige Extras wie Getränkehalter oder Farben. Bei Sitzerhöhungen liegt der Fokus darauf, dass das Polsterteil stabil ist und den Beckengurt gut führt. Die Rückenlehne ist gut, um jüngere Kinder seitlich zu stabilisieren, aber für ältere Kinder, die aufrecht sitzen, nicht unbedingt erforderlich.


Wie sieht es mit gebrauchten Kindersitzen und -erhöhungen aus?

L: Das geht, wenn man die Geschichte des Sitzes kennt – also sicher sein kann, dass er nicht in einen Unfall verwickelt war und keine Schäden hat. Überprüfen Sie die Gurte auf Verschleiß.


Zwei Kinder sitzen auf der Rückbank eines Volvo, der ältere Junge links hat eine Sitzerhöhung, das jüngere Mädchen rechts einen nach vorne gerichteten Kindersitz

Schutz in jedem Alter: Rechts ein Kindersitz ab 4 Jahre (Volvo Produkte: 105-150 cm Körpergröße) und links eine Sitzerhöhung für Kinder bis 12 Jahre (Volvo Produkte: 138-150 cm Körpergröße).

Was ist mit all den Zusatzprodukten, die als vermeintlich sinnvolle Extras angeboten werden?

L: Hier ist es besonders wichtig, nur zertifizierte Produkte zu verwenden, die den Schutzprinzipien entsprechen, wie z. B. die Kinder in eine gute und stabile Position für den Sicherheitsgurt zu bringen. Produkte wie Gurtverlängerungen oder Klemmen, die den Sicherheitsgurt in Richtung des Körpers des Kindes verstellen sollen, sind nicht seriös und bieten keinen zusätzlichen Schutz für das Kind! Beispielsweise wirken sich Riemen und Schnallen, die den Sicherheitsgurt zusammenhalten, bei einem Unfall negativ auf diesen aus und verschlechtern die Situation im Vergleich zur alleinigen Verwendung des Gurtes. Wie das Auto ist auch der Sicherheitsgurt mit richtig viel Technik ausgestattet. Man sollte also nichts daran verändern.


Welche Tipps gibt es hinsichtlich der Rückhaltsysteme, wenn man oft zwischen Autos wechselt?

L: Wenn Sie regelmäßig das Fahrzeug wechseln, empfiehlt es sich, zwei Systeme zu verwenden. Integrierte Sitzerhöhungen sind natürlich optimal für Kinder, die eine Sitzerhöhung brauchen, und die ISOFIX-Verankerungen erleichtern die Befestigung von Kindersitzen für die Kleinsten. Ansonsten: Achten Sie vor allem auf die Größe und das Gewicht des Kindersitzes und vermeiden Sie unnötige Extras. Flexibilität ist wichtig, insbesondere für moderne Mobilitätsformen wie Carsharing oder Zugreisen mit anschließender Autofahrt. Ein vorwärtsgerichteter Kindersitz ist eine gute Wahl für Kinder ab vier Jahren; für jüngere ein rückwärtsgerichteter Kindersitz, der ihrer aktuellen Größe entspricht. Die Verwendung von Sitzen, die der Größe des Kindes entsprechen, sorgt für mehr Flexibilität als ein Sitz für alle Altersgruppen.


Viele Kinder mögen rückwärtsgerichtetes Sitzen nicht oder wollen sich nicht anschnallen – was raten Sie Eltern?

L: Dranzubleiben. Weinen heißt nicht, dass der Sitz unsicher ist. Eltern müssen überzeugt sein, dass es um Leben und Tod gehen kann. Und dass es alternativlos ist. Zum Vergleich: Wenn Ihr Kind weinend mitten auf der Straße steht, lassen Sie es ja auch nicht einfach dort stehen, nur weil es das gerade möchte. Hilfreich sind z. B. Spiegel für Blickkontakt, wenn der Sitz hinten ist, oder kleine Routinen, die das Einsteigen erleichtern.

Porträtfoto von Lotta Jakobsson, die lächelnd vor einer hellen Holzwand zu sehen ist

»Ich bin stolz, dass wir seit den 1970er-Jahren Maßstäbe gesetzt haben.« Prof. Dr.-Ing. Lotta Jakobsson, leitende Spezialistin für Sicherheit und Verletzungsprävention bei Volvo Cars

Gibt es Mythen, die besonders oft zu hören sind?

L: Ja, zum Beispiel, dass der Gurt am Hals gefährlich sei – und Eltern ihn deshalb unter die Arme legen. Ein Missverständnis, das zusätzliche Risiken mit sich bringt. Der Gurt am Hals mag zwar unbequem sein, ist aber nicht unsicher, während der Gurt unter dem Arm das Risiko für Bauchverletzungen und Kopfverletzungen erheblich erhöht. Passen Sie stattdessen nach Möglichkeit die Position des Sitzes oder des Gurtes an oder legen Sie einfach ein Tuch zwischen Gurt und Hals bzw. Schulter. Oder die Behauptung, vorwärtsgerichtete Kindersitze seien auf deutschen Autobahnen sicherer, was mit der Geschwindigkeit und Fahrweise begründet wird. Statistiken zeigen eindeutig, dass das Risiko eines Frontalaufpralls viel höher ist und der rückwärtsgerichtete Sitz hierbei den besten Schutz bietet.


Volvo ist Pionier der Kindersicherheit, du bist seit 37 Jahren aktiver Teil davon. Worauf bist du persönlich besonders stolz?

L: Auf die Tatsache, dass wir seit den 1970er-Jahren Maßstäbe gesetzt haben – angefangen mit unserem ersten rückwärtsgerichteten Kindersitz über die Einführung des Sitzerhöhungskissens bis hin zur integrierten Sitzerhöhung. Heute werden rückwärtsgerichtete Sitze in fast allen Ländern empfohlen – das war nicht immer so. Dazu beigetragen zu haben, erfüllt mich persönlich sehr.


Bild des ersten rückwärtsgerichteten Kindersitzes von Volvo

Der erste rückwärtsgewandte Kindersitz von Volvo kommt bereits 1972 auf den Markt.

1964


Die Idee für rückwärtsgerichtete Kindersitze geht auf Prof. Bertil Aldman von der Chalmers University of Technology in Göteborg zurück. Inspiriert von der Sitzposition der Astronauten beim Start, wird der erste Prototyp bei Volvo getestet.


1972


Volvo bringt seinen ersten rückwärtsgerichteten Kindersitz heraus. Durch die Verteilung der Aufprallkräfte schützt er Kinder und verringert das Verletzungsrisiko.

Historische Aufnahme einer Volvo Sitzerhöhung mit einem Kind von 1978

Eine Sitzerhöhung ist nötig, um Kinder in die richtige Position für den Sicherheitsgurt zu bringen, hier ein Volvo Modell von 1978.

1978


Das weltweit erste Sitzerhöhungskissen von Volvo bietet älteren Kindern in Fahrtrichtung sitzend die richtige Positionierung für den Sicherheitsgurt und mehr Komfort.


Integrierte Sitzerhöhung auf dem mittleren Platz der Rücksitzbank in einem Volvo

Sicherheit und Komfort kombiniert: Ab 1990 bot Volvo eine in die Rückbank integrierte Sitzerhöhung an.

1990


Mit der weltweit ersten integrierten Sitzerhöhung hat Volvo die Kindersicherheit direkt in den Sitz eingebaut. Zusammen mit den Rückhaltesystemen des Autos bietet sie erstklassigen Schutz und Komfort.


2007


Die weltweit erste zweistufige integrierte Sitzerhöhung ermöglicht die Anpassung an das Wachstum des Kindes und eine je nach Körpergröße bessere Sitzposition.


Höhenverstellbare integrierte Sitzerhöhung in einem Volvo mit zwei Kindern unterschiedlichen Alters, die darauf sitzen.

Ab 2007 wuchs der Sitz bei Volvo mit: Die integrierte Sitzerhöhung konnte je nach Körpergröße des Kindes in zwei Stufen angepasst werden.

2022


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